Wenn man an einem Sprössling zupft

Ideen zu haben, ist eine Sache. Eine gute Idee unter die Leute zu bringen, eine zweite, vielleicht noch wichtigere. Gefahren lauern von allen Seiten. Ein Ideenproduzent kann gar nicht vorsichtig genug sein in der Wahl seiner Gegner, zu denen er möglichweise selbst zählt, indem er zu früh aufgibt. Wer seine Idee mit viel Einfühlung der Machbarkeit und wohlweiser Überlegung der Umsetzbarkeit immer noch attraktiv findet, braucht Selbstvertrauen, Durchsetzungskraft und Hartnäckigkeit.

Ideen und Sprösslinge habe einige Gemeinsamkeiten: Beide sind der Gefahr ausgesetzt, dass auf ihnen genau zu dem Zeitpunkt herumgetrampelt wird, wo es am unpassendsten ist. Der Sprössling streckt sich nach dem wärmenden Sonnenlicht. Die Idee sucht das wohlwollende Ohr. Der Sprössling erträgt nicht allzu viele Tage einen trockenen Boden, weil Nährstoffaufnahme erst durch Feuchtigkeit möglich wird. Die Idee kann Interessenlosigkeit nicht gut ertragen, weil sie nur durch positive Resonanz weiter wachsen kann.


Während der Sprössling allein auf sich gestellt die Nöte der ersten Tage und Wochen im Leben bewältigen muss, hat es die Idee weitaus besser. Sie hat einen Vater oder eine Mutter, der oder die sie gezeugt oder geboren hat und vor allem in den ersten Lebenstagen schützen kann. Der Sprössling muss fürchten, wenn schon nicht zertrampelt, dann gefressen zu werden. Reh, Ziege, Schaf … da kommen viele Feinde infrage. Und wenn der Sprössling bisher hierher von allen lauernden Gefahren verschont geblieben ist, so kann es ihm passieren, dass er einem Kind schutzlos ausgeliefert ist, das an ihm zupft, um zu sehen, ob der Sprössling auf diese Art und Weise im Wachstum nicht beschleunigt werden kann.


Die Idee ist ein materieloser Sprössling mit nicht minder vielen Feinden. Vater und Mutter müssen stark sein, um das Schlimmste zu verhindern. Wie beim Sprössling im Garten nimmt die Anzahl der Feinde proportional zu seiner Attraktivität zu. Es gibt so gut wie keine gute Idee, über die sich die Mehrzahl derer, die davon hören, nicht empört. Im Gegenteil: Man sollte Ideen, die weder Widerstand, Protest, Unverständnis, noch Kopfschütteln erzeugen, so schnell wie möglich wieder vergessen. Kreatives ist immer irgendwie bedrohlich, wenn es den Zugang zu unseren fest verschlossenen Denkkonserven sucht. Das Gehirn ist ein tückisches Organ. Es ist begrenzt neugierig und sucht zugleich nach dem Vertrauten. Es nimmt auf, speichert, und bevor es Neues aufnimmt, geht es per Suchlauf in den Speicher, um Bekanntes zu finden. So entstehen Vorurteile, die, wenn man sie nicht schleunigst in den Papierkorb befördert, schnell zu überdauernden Urteilen werden können.


Auf diese Weise wird der Schauspieler, mit dem man einen guten Film verbindet, zum interessanten, wichtigen, begehrten Schauspieler. War er in drei, vier oder fünf Top-Filmen zu sehen, kauft der Konsument nicht mehr den Film, sondern den Schauspieler, auch wenn der Film außer diesem Star nichts zu bieten hat. Wer sich erst einmal das Image erworben hat, ein Ideenproduzent zu sein, hat es mit dem Absatz seiner Ideen ungleich einfacher als der, der sich als begehrter Ideenspender keinen Namen gemacht hat. Viele geniale Erfinder sind außer beim Patentamt nirgendwo bekannt geworden. Umgekehrt hat so manche Erfindung die Welt verändert, ohne sie voranzubringen.


Der Sprössling steht, wo der Keimling hinfiel. Aus ihm wird genau an dieser Stelle ein Baum, wenn er von feindlichen Zugriffen verschont bleibt. Eine Idee darf nicht stehenbleiben, wo sie keimte. Sie muss mit Nachdruck weitergetragen, vermarktet, getrieben werden. Ein Sprössling muss geschützt werden. Für eine gute Idee ist der Kampf ihrer Durchsetzung aufzunehmen. Das Prinzip der Notwendigkeit der Vermarktung ist vielen Kreativen entweder zu wenig bewusst oder sie lassen sich zu früh entmutigen.


Der Ideenproduzent kann gar nicht vorsichtig genug sein in der Wahl der Mörder seiner Idee. Besser ist es, eine frisch keimende Idee mit Menschen zu besprechen, die von dieser Idee nicht tangiert werden, zumindest nicht negativ. Bewahrer sind nicht gerade die beste Zielgruppe zur Präsentation von Neuem. Solche Denkkonservativen hätten, anstatt die Glühbirne zu erfinden, den Docht der Kerze durch ein Leitungskabel zu ersetzen versucht, wenn man ihnen vom Vorhandensein des Stroms erzählt hätte. Die logische Denkkette ist die: Die Kerze gibt Licht. Sie besteht aus Docht und Wachs. Soweit die vernünftige Schlussfolgerung vor der Erfindung des Stroms. Der Strom verändert die Möglichkeiten. Folglich nutzt der konservative Denker den Strom zur Optimierung der Kerze. Was sonst? Das ist logisch und erlaubt keine Abweichungen von Erfahrungen. Kreativität geht anders. Sie folgt niemals den Gesetzen der Logik, sondern denen des Chaos. Die Erfahrung ist der Feind der Kreativität.


Bevor die kreative Idee in die Hände Vernichtungswilliger gerät, sollte sie ein mehrstufiges Filtrat durchlaufen: sensibles Abwägen, strategisches Durchdenken, Selbstvertrauen, Durchsetzungskraft, Hartnäckigkeit. Spontaneität will eben in allen ihren Auswirkungen sorgfältig geplant sein.


Sensibles Abwägen
-    Was werden wohl die ersten Reaktionen auf die Idee sein?
-    Was wird an Argumenten ins Feld geführt werden, warum die Idee nicht umsetzbar ist?
-    Wie wird das Unverständnis begründet werden?
-    Was steckt dahinter? Welche Neugier oder welche Bedrohung?
-    Welche persönlichen Motive sind der verwerfenden Argumentation hinterlegt?


Beispiel: Wenn ich eine Pille erfinden würde, die Essen und Trinken überflüssig macht, so habe ich die Welt der Nahrungsmittelhersteller gegen mich, der Handel protestiert, die Gastronomie hält mich für einen Spinner. Und einige Gustatoren fassen sich an den Kopf. Das Positive kommt dabei nicht ans Licht. Positive Reaktionen könnten diese sein: „Wahnsinn“. „Das wird viel Zeit sparen“. „Es gibt bald keine Übergewichtigen mehr“. „Die gesunde Ernährung des Menschen wird leicht steuerbar“. „Die gewonnene Zeit kann anderweitig genutzt werden“. „Neue Chancen für neue Branchen“. Doch die Realität ist die, dass die Wahrheit bei einer solch revolutionären Erfindung lange Zeit unter der Decke bliebe. Denn die erwähnten Betroffenen, vom Nahrungsmittelhersteller bis zum Feinschmecker, sähen ihre Chancen schwinden, vielfältige Märkte zu bedienen bzw. in diesen Märkten mitzuverdienen. Die Konsumenten fürchten um ihre Individualität der Lebensgestaltung durch Genuss und gesellschaftliche Begegnungsformen. Das ist wie für den Sprössling trampelnder Fuß, fressendes Reh und zupfendes Kind innerhalb von wenigen Minuten. Der Sprössling ist dahin. Da nützt ihm auch seine Motivation nichts, groß werden zu wollen.

Strategisches Durchdenken
Wenn das Ziel lautet, die Idee durchbringen zu wollen, so stellen sich diverse strategische Fragen:
-    Welche Schritte sind in welcher Folge zu setzen, um die Idee anfänglich vor Feinden zu schützen?
-    Wie viele Ideenkiller sollte man sich testweise erlauben, um die Originalität der Idee zu untersuchen?
-    Wie schützt man sich vor keimtötender Beeinflussung nicht gewollter Dritter?
-    Wo finden sich Neutren, d. h. Menschen, denen man von der Idee berichten kann, ohne dass sie gleich mit Gegenargumenten kontern?
-    Ab welchem Zeitpunkt sind Befürworter nützlich?
-    Wie schützt man sich vor Ideenklau?


Eine gute Strategie ist der beste Rückspiegel, um sich vor Feinden zu schützen, die einem in den Rücken fallen könnten.
Sensibles Abwägen und strategisches Vorgehen sind methodische Ansätze, die allein aber nicht ausreichen, um die Idee nicht nur zu haben, sondern auch zu nutzen. Es gehören ebenso Selbstvertrauen, Kraft und Hartnäckigkeit als psychologische Stabilisatoren dazu, um sich von anderen nicht zum falschen Zeitpunkt aus der Bahn werfen zu lassen.

Selbstvertrauen
Wer nicht daran glaubt, brauchbare Ideen hervorbringen zu können, sollte sich nicht damit frustrieren, sein Gedankengut von anderen als Hirngespinst oder Illusion abwerten zu lassen. Ideen sind geistige Substanz, für die es keine Beweise gibt, dass ihre Umsetzung nützlich sein kann. Ideen basieren auf Fantasien. Sie sind ein Konstrukt im Gehirn. Selbstvertrauen heißt, sich zu trauen, dass man genug Mut aufbringt, an der Sache dranzubleiben. Die großen Denker unserer und jener Zeit davor sind es deswegen geworden, weil sie sich zu sich selbst bekannt und dieses Bekenntnis vor aller Welt vertreten haben. Kreativ ist nicht nur das vollkommen Neue. Kreativ ist auch die andersartige Gestaltung oder Nutzung von Vorhandenem. War Wolfgang Amadeus Mozart ein Kreativer? Er hat zwar von Joseph Haydn noch mehr gelernt als von seinem Vater Leopold, aber dennoch war seine Musik unverkennbar neu. Mozart hat es an Selbstvertrauen nicht gemangelt. Dass er es damit schon übertrieben hat, gefiel seinem Vater gar nicht und dem Kaiser, von dessen Wohlwollen er abhängig war, ebenso wenig. Aber es gefiel Mozart. Und damit war der Nährboden für seine Durchsetzungskraft gelegt.

Durchsetzungskraft
Kleine Steinchen aufzuheben, ist durch simples nach unten Beugen möglich. Je größer der Stein, den es aufzuheben gilt, umso mehr ist der Akt des Aufhebens mit Anstrengung verbunden. Man sollte sich zwar nur nach solchen Steinen bücken, die man mit eigener Kraft aufheben kann. Man sollte seine Kraft aber auch nicht unterschätzen. Muskelkraft kann trainiert werden, die Technik des richtigen nach unten Gehens, um den Stein zu greifen, auch. Das ist bei der notwendigen Kraft zur Verbreitung einer Idee nicht anders. Wenn die Idee geboren ist, die Filterstufen des sensiblen und strategischen Abwägens passiert hat, sollte sie mit Vehemenz vertreten werden, um Menschen zu finden, die aus der kreativen Idee Innovation im Sinne wirtschaftlicher Nutzung werden lassen. Man kommt an anderen nicht vorbei, wenn man mit einer Idee Erfolg haben will. Man darf sich aber als Kreativer von den anderen weder einschüchtern noch verunsichern lassen.

Hartnäckigkeit
Dranbleiben. Dranbleiben. Dranbleiben. Synonyme für Hartnäckigkeit sind Entschlossenheit, Beharrungsvermögen, Stehvermögen, Konstanz, Robustheit, Härte, Zähigkeit, Festigkeit. Das ist etwas anderes als Starrsinn, Rigidität, Widerspenstigkeit. Die Idee, die durch alle vorerwähnten Filter gelaufen ist, hat es nicht nur verdient, mit Selbstvertrauen und Durchsetzungskraft in Szene gesetzt zu werden. Wenn Vater oder Mutter der Idee diesem neuen Gedanken Respekt zollen, darf die Idee nicht an mangelnder Hartnäckigkeit im ausdauernden Versuch ihrer Durchsetzung scheitern. Natürlich ist zu unterscheiden, ob die ausgewählten Adressaten der Idee sich gelangweilt abwenden oder mit allen möglichen Argumenten gegen die Idee zu kämpfen versuchen. Wenn sich die Mehrheit der Empfänger der Idee abwendet, ist Sensibilität gefragt. Eine Idee, die keinen interessiert, gehört für später eingelagert oder für immer recycelt. Der gesunde Menschenverstand wendet sich ab, wenn er mit einem ihm dargebotenen Thema nichts anzufangen weiß. Er argumentiert nicht dagegen. Anders eine auf Empörung oder Widerstand stoßende Idee. Wer gegen eine Idee argumentiert oder wettert, zeigt entweder Interesse und will über diesen indirekten Weg seiner Vorwände mehr erfahren. Das ist die eine, eher seltenere Variante.  Oder er will die Sache wegdiskutieren, weil sie ihm zu attraktiv und damit persönlich bedrohlich erscheint. Das ist die wahrscheinlichere Variante. Niemand kämpft gegen Bedeutungsloses.

Eigentlich sollte längst alles erfunden sein. Man kann staunend vor der Vergangenheit stehen und meinen, dass da nicht mehr viel Raum für wirkliche Kreativität ist. Wer so denkt, bemerkt nicht, dass er in die falsche Richtung blickt. Kreativität gehört in das Zeitalter der Zukunft, nicht in die zeitlichen Epochen der Vergangenheit. Erst wenn das letzte Herz menschlichen Daseins zu schlagen aufgehört hat und die Elektrizität des letzten menschlichen Gehirns ihren Dienst eingestellt hat, wird die Kreativität des Menschen gestorben sein. Ab dem Zeitpunkt ist die Nachfolgespezies des Menschen zuständig, weil die Natur bestimmt eine Idee hat, wie es weitergeht.

Prof. Dr. Wolfgang Saaman

Persönlicher Kontakt SAAMAN AG